Einstundenkatholik

Gla̱u̱·be
Substantiv [der]
  • feste Überzeugung, die nicht auf Fakten, Beweisen, sondern auf dem Gefühl beruht

Das spuckt Google aus, wenn ich das Wort “Glaube” eingebe.

Aber alles nach der Reihe.


Ich bin schon seit mehreren Jahren an der Jungschar in unserer örtlichen Kirche in Wien beteiligt. Anfangs war es nur ein Aushelfen; seit diesem Semester bin ich mit drei anderen Personen und sehr guten Freunden Jungscharleiterin. Ich habe wirklich Spaß daran, Stunden, Ausflüge, Spiele oder Bastelaktionen zu planen und auch das alljährliche Lager zu organisieren. Ich mache das natürlich freiwillig und habe mit vielen der Kindern schon eine sehr gute Beziehung aufgebaut. Neben der Uni und der Arbeit ist es nicht immer einfach, Stunden zu organisieren, aber wir nehmen uns die Zeit, um den Kinder eine schöne und vor allem lustige gemeinsame Zeit zu schenken.


Ich bin eine gläubige Person. Ich wurde getauft und durch die Firmung habe ich mich selbst dazu bekannt, gläubiger Katholik zu sein.

Ich gehe aber trotzdem sonntags nicht in die Kirche. Sünde?


Es ist ungefähr 20:30. Mit zwei Freunden, einer davon Jungscharleiter, der andere auch aktiv in der Kirche beteiligt (z.B. im Pfarrgemeinderat) sitze ich im Jugendraum unserer Kirche, wir hören Energy und reden. Den anderen beiden fällt ein, dass sie vor kurzem etwas im Pfarrblatt gelesen hatten, das sie beide verwundert hat. Sie bringen mir die Zeitung, ich blättere auf Seite 16 und finde die Rubrik “Was ich noch zu sagen hätte”. Autor ist dem Leser unbekannt. Ein Bild der leeren Kirche schmückt die Mitte des Textes. Die Überschrift lautet “Einstundenkatholiken?”.

Kurz zusammengefasst wird kritisiert, dass die Sonntagsmesse zwar gut besucht ist, alle anderen Feste wie Andachten oder Vorträge aber meist nur von den selben zwei Personen besucht werden.

“Allen anderen dürfte die 1 Sonntagsstunde für ihr Glaubensleben reichen (…)”.
“Auffallend ist auch, dass einige “aktive” Mitglieder des Pfarrgemeinderats (…) nicht einmal die Sonntagsmessen besuchen!”

“Meiner Meinung nach sollten regelmäßige Messebesucher und vor allem auch Pfarrgemeinderäte mehr am Kirchengeschehen teilnehmen und damit ein Vorbild für alle anderen sein. Oder reicht es wirklich ein Einstundenkatholik zu sein?”


Ich gehe nicht in die Sonntagsmesse. Nicht weil ich zu faul wäre, weil ich schlafen möchte oder etwas dergleichen, sondern weil ich es für MICH und MEINEN Glauben nicht brauche. Ein Glaube ist, wie mir Google erklärte, eine feste Überzeugung, die auf dem “Gefühl” beruht. Mein Gefühl sagt mir nicht, dass ich sonntags in die Messe gehen muss, um an einen Gott zu glauben oder überhaupt gläubig zu sein. Der Begriff “Glaube” wird von der katholischen Kirche meiner Meinung nach zu stark eingegrenzt. Glaube, das ist für die meisten Katholiken aktiv am Kirchengeschehen teilhaben. Regelmäßig in die Messe zu gehen und vor jeder Mahlzeit ein Tischgebet auszusprechen. Personen, die also keine dieser Aktivitäten regelmäßig ausführen, dürfen nicht gläubig sein? Ein Glaube ist etwas, das in jedem von uns verankert ist. Manch einer glaubt daran, es gäbe keine Gottheit und keine übermenschliche Kraft. Manch anderer ist der festen Überzeugung, dass alles so geschah, wie es in der Bibel stand. Beide Extremen glauben. Nur eben nicht an das selbe. Und auch wenn die Bibel von Glaube an Gott spricht, meint dies fast immer, dass jeder von uns eine ganz persönliche und einzigartige Beziehung zu Gott hat.

Mein ganz persönlicher und individueller Glaube beinhaltet nicht, dass ich jeden Sonntag in die Messe gehe. Ich nehme viel viel lieber an anderen Aktivitäten teil, wie zum Beispiel an der Jungschar. An Firmnachmittagen oder an Kirtagen der Kirche.


“Allen anderen dürfte die 1 Sonntagsstunde für ihr Glaubensleben reichen (…)”. 

Die “1” Sonntagsstunde “dürfte” also für “alle anderen” reichen. Es beginnt schon einmal dabei, dass diese Dichotomie, dieses “Wir” und “Die Anderen”, dieses “in- und outgroup” keine wirklich gute Basis für eine Gesellschaft ist, in die ich mich ja anscheinend eingliedern soll. Auf dem Spektrum gibt es zwei Extreme, die “normalen”, also die, die traditionell und wie es sich eben gehört jeden Sonntag in die Kirche gehen. Auf der anderen Seite befinden sich alle “anderen”, alle Abnormalen, die einfach nicht dazu passen.

Wer darf entscheiden, was für jemandes Glaubensleben reicht? Wer gibt die Regeln oder Normen vor, wie so ein Glaubensleben auszusehen hat? Hat so ein Glaubensleben für jedermann exakt zu sein?

“Auffallend ist auch, dass einige “aktive” Mitglieder des Pfarrgemeinderats (…) nicht einmal die Sonntagsmessen besuchen!”

Auffallend –> ein Zeichen für das “Abschieben” dieser Personen auf das ganz weit entfernte andere Ende des Spektrums, die anscheinend ihren Verstand verloren haben, weil sie nicht in die Messe gehen.

Auch um ein aktives Mitglied im Pfarrgemeinderat zu sein, muss man anscheinend regelmäßig die Sonntagsmessen besuchen. So sagt es diese versteckte, implizierte Norm. Sonst wird man nicht als aktives Mitglied akzeptiert, egal wie sehr man sich für die Arbeit im PGR aufopfert und steht irgendwo am Rand, unter Gänsefüßchen, wie ein Depp.

“Meiner Meinung nach sollten regelmäßige Messebesucher und vor allem auch Pfarrgemeinderäte mehr am Kirchengeschehen teilnehmen und damit ein Vorbild für alle anderen sein. Oder reicht es wirklich ein Einstundenkatholik zu sein?”

Die Floskel “Meiner Meinung nach” wird von einer Dame oder einem Herrn als Satzanfang verwendet, der oder die sich aber nicht einmal traut, mit seinem oder ihrem Namen dafür zu stehen.

Man muss “ein Vorbild für alle anderen sein”, und das geht nur, in dem man als Messebesucher und PGR-Mitglied mehr am Kirchenleben teilnimmt. Wenn ich also nächstes Jahr in der Schweiz während meines Erasmus-Aufenthaltes regelmäßig am Sonntag in die Kirche gehe, muss ich am Kirchengeschehen teilhaben, um ein “Vorbild für alle anderen zu sein”? Ist das wirklich das, was den Glauben ausmacht?

Als Einstundenkatholik werde ich dann bezeichnet. Obwohl ich ja theoretisch eine Person sein könnte, die ein Leben führt, das durch und durch dem religiösen Glauben gewidmet ist.

Ich glaube, genau dadurch scheitert die Institution Kirche immer öfter beim Modernisierungsprozess. Bei der Toleranz. Toleriert wird nur das, was man selbst als wahr, richtig und angemessen versteht. Alles andere ist “nicht ausreichend” oder “auffallend”. Ist so etwas attraktiv für junge, aufgeschlossene Menschen?

Ich als Jungscharleiterin fühle mich durch diesen Beitrag einfach nur gefrotzelt, auch wenn er wahrscheinlich nicht einmal an mich gerichtet worden ist. Ich fühle mich so, als würde meine Arbeit nicht wertgeschätzt werden, nur weil ich sonntags nicht in die Kirche gehe. Als wäre das alles nur unsinnig und nicht ernst zu nehmen. Ich kann diese Engstirnigkeit einfach nicht nachvollziehen. Legt die Scheuklappen ab. Es gibt auch andere Welten, Wahrheiten und Dinge auf dieser Welt, die vielleicht nicht in euer Verständnis von Gut und Böse passen. Andere Ansichten. Und das ist gut so.

I am proud of being the “Einstundenkatholik”. Because I don’t give a sh** of what others think about my faith.

Ich bitte bitte euch um eure Gedanken und Meinungen!

Advertisements

3 thoughts on “Einstundenkatholik

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s